Hexenverfolgung in Europa –
viel beachtet, unterschiedlich verstanden
Über Hexen gibt es viele Mär: Es seien weise Frauen gewesen, sagen die einen; sie hätten über vermaledeiende Kräfte verfügt, sagen die anderen. Schliesslich wird behauptet, ihre Verfolgung sei schlicht Ausdruck eines finsteren Aberglaubens gewesen.
Mit solchen Vorurteilen gibt sich die heutige Forschung nicht zufrieden. In den letzten Jahrzehnten haben Forscherinnen und Forscher verschiedener Richtungen anregende Ansätze zur Einordnung des Hexenwesens formuliert. Je nach Perspektive und Modeströmung wird die Hexenverfolgung in Europa unterschiedlich erklärt: sozialwirtschaftlich, religiös, psychoanalytisch, feministisch oder politisch.
Heute sind sich viele Wissenschaftler einig, dass die Verfolgung von Hexen oft in nachbarschaftlichen Konflikten wurzelt. Diese traten gehäuft auf, wenn das Prinzip der Gegenseitigkeit (du gibst mir Milch, ich helfe dir beim Mähen) unter Druck geriet, beispielsweise in Hungerkrisen. Das erklärt, weshalb es in der Schweiz in den Jahrzehnten rund um 1600 – also während der „kleinen Eiszeit“ und während des Dreissigjährigen Krieges – am meisten Hexenprozesse gab.
In den Siebzigerjahren deuteten Feministinnen die Hexenverfolgung als systematisches Unterfangen des Patriarchats: Männer würden Frauen generell einschüchtern und diejenigen, die über geheimes Wissen verfügten (bezüglich Abtreibung oder Verhütung), vernichten wollen.
Tatsächlich waren es nicht nur Frauen, die der Hexerei angeklagt wurden, sondern ein Fünftel waren Männer.
Neuerdings werden vermehrt auch psychoanalytische Erkenntnisse berücksichtigt und unbewusste Ängste rund um Sexualität oder effektiven Missbrauch thematisiert.
Es gibt auch Versuche, die Hexenprozesse entweder als Teil der Konfessionalisierung Europas im 16. Jahrhundert zu erklären oder sie als Ausdruck der Gegenreformation zu sehen.
Die Hexenverfolgung war jedoch nicht nur eine Sache der Katholiken, sondern auch in reformierten Gegenden gingen die Behörden kompromisslos gegen angebliche Hexen vor.
Andere Historiker schlagen vor, die Hexenverfolgung als Teil des politischen Prozesses zu betrachten, in dem sich der Nationalstaat herausbildet.
Es gibt schliesslich eine Tendenz, die Verfolgung von Hexen als Nebenprodukt des wachsenden Kapitalismus zu interpretieren, was mit dem wirtschaftlichen Gefälle und Sozialneid belegt wird. Es gab als Hexen angeklagte Frauen und Männer, die wohlhabend und nicht (wie häufig) arm waren und aus der Kaufmannsschicht stammten, wogegen die Kläger arm waren und vom Dorf kamen.
Quellen:Jerouscheck, Günter: Hexenverfolgung und Psychoanalyse. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: (2009)Lorenz, Sönke/Midelfort, H. C. Erik: Hexen und Hexenprozesse. Ein historischer Überblick, in: historicum.net, URL: (2009)